42 Jahre kurz erzählt

42 Jahre kurz erzählt

Meine ersten beiden Lebensjahre verbrachte ich in Bodenwöhr, in einem BHS-Arbeiterhaus an der Hauptstraße 4. Meine Eltern waren mit den beiden Schwestern – und mir im Bauch meiner Mutter -aus Thann bei Nittenau hergezogen. In dem Haus gab es – habe ich mir sagen lassen – zu jeder Wohnung ein Plumpsklo, waschen konnten sich die Bewohner zentral im Waschhaus. 

1978 zog die Familie nach Blechhammer an die Stifterstraße in eine weitere Wohnung ohne Heizung, dafür aber mit eigenem Bad und WC. Noch viel wichtiger war mir aber der herrlich große Garten mit den alten Obstbäumen und den Haselnuss-Stauden, aus deren Trieben man so ziemlich alles bauen konnte. Der Badeplatz war damals noch prima, der See sehr sauber und zum Spielplatz oder zum Edeka-Laden von Frau Stangl war es nur ein Katzensprung.

Die Weihersiedlung lernte ich wie jedes Kind aus der Umgebung am intensivsten über die Grundschule kennen. In der b-Klasse (Klasse der Landkinder)  lernte ich nie schönschreiben, dafür ganz gut rechnen und singen bei Karl Schwarzer. Karl, danke dafür 😉 Und sorry für das Kapitel „Blockflöte“.

Anneliese Probst hatte es in der 3. und 4. Klasse nicht immer leicht mit mir, „weilst gschlampert bist“, wie sie mir einmal im Zustand höchster Erregung entgegen hielt. Wir haben uns dennoch gut zusammen gerauft, auch weil ich meine  Fluchtpläne durch das Grundschulfenster nie in die Tat umgesetzt habe. Ich erinnere mich gern an eine tolle Zeit mit prima Kerlen wie Christopher Galla und Christian Schreiner, Reinhard Balk, Arnold Fischer, Stefan Fischer, Harald Sandner, Markus Bollinger und vielen anderen. Den Mädchen gegenüber war ich zu der Zeit etwas scheu, aber tempora mutantur, wie der Lateiner sagt.

Ein prägender Charakter in meinen jungen Jahren war Pfarrer Josef Groß – nicht nur, weil er mich einmal in einer Religionsstunde handfest und schlagfertig aufweckte. Er war ein großer, streitbarer Geist, der die Erdigkeit des niederbayerischen Bauernstandes mit der gutherzigen und klugen Philosophie eines weisen Theologen verband. Hart, aber herzlich. Als mich Markus Riegelsberger ermunterte, bei Christian Riedl und ihm in der Sakristei zu Blechhammer für Pfarrer Groß zu ministrieren, war ich sofort Feuer und Flamme. Es folgten wunderschöne Lausbubenjahre voller Streiche, aber auch ernstem Altardienst, von denen ich kein einziges missen möchte.

Schulisch hatte es mich inzwischen, glücklicherweise begleitet von etlichen Kumpels aus meiner Grundschule, nach Nittenau ans Gymnasium verschlagen. Die schönsten Schultage waren die, die an eiskalten Wintertagen ausfielen – weil der Bus uns eine dreiviertel Stunde lang an der Haltestelle am Bahnhof hatte warten lassen.

Meine Eltern hatten für die Familie inzwischen ein kleines Haus an der Forststraße gekauft. Wenn die Mutter am Sonntag zum Kirchgang weckte, blieben  mir so wenigstens zehn Minuten länger Zeit. Dafür war unter der Woche der Weg zum Schulbus weiter.

 In der Pfarrei entschloss ich mich mit knapp 17, für den Pfarrgemeinderat zu kandidieren. Ich hatte Reformstau ausgemacht. Es reichte zwar bloß dazu, kooptiert zu werden, aber immerhin. In der Folgezeit rasselte ich mit meinem Vorbild Josef Groß immer wieder einmal zusammen – meinen ersten Antrag im Gremium, auch Mädchen zum Altardienst zuzulassen, fand er nicht wirklich gut. Die Mehrheit allerdings schon, und der Erfolg gab mir später Recht. In der Folgezeit waren Walter Vogl und ich ein unzertrennliches Team, bei den Minis und in der ganzen Pfarrei und Gemeinde. Ein legendärer Nikolausabend im Schwandner Tennisheim gemeinsam mit dem viel zu früh verstorbenen Andi Rittler ist mir dabei besonders in Erinnerung geblieben.

Mit Pfarrer Groß und mir verhielt es sich so: Wenn zwei meinungsstarke Köpfe aufeinander prallen, sprühen schon mal die Funken. Wichtig ist aber, dass man sich hinterher umgehend wieder zusammenrauft, den gegenseitigen Respekt voreinander bewahrt und weiter die Stärken des jeweils anderen auch anerkennt. Jedenfalls blieb mir der Bischöflich Geistliche Rat bis an sein Lebensende als väterlicher Freund erhalten, wofür ich heute noch sehr dankbar bin. Er war es auch, der es bewerkstelligte, dass ich als junger Bursch beim Männergesangverein Bodenwöhr ein paar tolle Jahre als aktiver Sänger mit viel Spaß unter der Ägide von Dieter Füßl, Alfred Spindler und Bernhard Schmidhuber hatte – zusammen mit Sepp Höfler und Erich Müller im zweiten Bass, weil mich Mutter Natur mit einem entsprechenden Organ gesegnet hat.

Nach dem Abitur holte mich die Republik – zum Grundwehrdienst nach Bogen. Eine willkommene Gelegenheit, den Reservisten beizutreten und bei den lustigen Sachen mitzumachen, die diese Truppe veranstaltete. Die Schlauchbootwettbewerbe, die das Team um Stefan Beil und Hans Schießl ausrichtete, waren legendär. Später half mir ein guter Mann aus dem Bereich der Gemeinde, den ich namentlich nicht nennen möchte, aber dem ich nochmals herzlich danke, durch seine Fürsprache, dass ich nach Neunburg versetzt wurde.

Nach ein paar Wochen Studium in Regensburg erkannte ich, dass ich lieber arbeiten und eine Familie gründen wollte. „Der neue Tag“  brauchte  jemanden. Also fing ich in Bruck an bei der Tageszeitung den Beruf „Redakteur“ zu erlernen, und der Unabhängigkeit wegen wollte ich eine eigene Wohnung. Dass es Bruck wurde, hatte viel damit zu tun, dass ich möglichst nah an der Redaktion wohnen wollte, weil  ich oft nachts unterwegs war und bis zum Andruck Artikel für die morgige Ausgabe unterbringen wollte – z.B. über Gemeinderatssitzungen in Bodenwöhr.  Meine Heimatgemeinde  lernte ich in den nächsten Jahren noch viel intensiver kennen. Von Warmersdorf bis Windmais, von Altenschwand bis Buch. In Erzhäuser faszinierte mich die gute Kameradschaft ebenso wie der Umstand, dass es dort Sommerstockbahnen gab. Ich hatte bereits einen sehr guten Stock, schaffte es wegen meiner beruflichen Belastung  aber nie wirklich, dieses wunderschöne Hobby auszuüben – wie so viele andere auch. 

Seit 1997 beschäftige ich mich also  mit Kommunalpolitik in der Gemeinde Bodenwöhr. Manchmal sehr eng dran, manchmal nur sporadisch, aber abgerissen ist mein Interesse am politischen Schicksal meiner ersten Heimat nie.

Mit der Geburt unseres Sohnes Martin 1999 gingen die Weichen auch familiär in die richtige Richtung. Leider verstarb im Dezember 2000 mein Vater viel zu früh. Nachdem er noch selbst einen Notruf hatte absetzen können, bargen ihn die Kameraden der FFW Bodenwöhr aus seinem Haus, das BRK brachte ihn ins Krankenhaus – dort starb er einen Tag später im Alter von 62 Jahren. Ich verkaufte das Haus meines Vaters – meine Mutter lebte inzwischen in Bruck – und zog  später für einige Jahre  nach Bergham. Die Brucker Redaktion fiel Rationalisierungen zum Opfer, weitere berufliche Stationen waren Schwandorf und Weiden. So lernte ich meine spätere Frau Michaela kennen, mit der ich schließlich in ihr Elternhaus nach Sulzbach-Rosenberg zog. Kurze Zeit darauf, vier Tage nach meinem 30. Geburtstag, verstarb meine Mutter im Schwandorfer Krankenhaus.

Ich entschloss mich Ende 2005, die Lücke im Zeitungsgewerbe, die in meiner alten Heimat herrschte, ausfüllen zu wollen. Ein ambitionierter Plan, für den ich 2006 als Selbständiger meinen Verlag gründete. Es dauerte etliche Jahre, bis schließlich der „Regental-Kurier“ und dann der „Ostbayern-Kurier“ etablierte Größen in der Oberpfalz waren. Parallel dazu bemühte ich mich, das Kulturleben zu stärken: Zunächst mit der Gründung des Festspiels in Bruck. Der damalige Bürgermeister von Bodenwöhr, Albert Bauer, hatte gemeint, dass meine alte Heimatgemeinde für derlei zu klein sei. Mit dem Wechsel im Rathaus – 2008 kam mit Richard Stabl ein Mann voller Elan und Ideen – wollte ich das Gegenteil beweisen, was mir in den Folgejahren auch gelang. Leider waren die Festspiele von der ersten Minute an ein Politikum und so wurden dort Kräfte, die engagiert  und guten Willens waren, teils aus Vorsatz, teils aus Hilflosigkeit verbrannt. 

Während der Verlag wuchs, sank gleichzeitig mein Zeit-Kontingent, das ich dem Projekt Eisenzeit zur Verfügung stellen konnte. Ich zog mich schließlich wie geplant zurück. Ein Schritt, der schwerfiel – hatte doch auch  ein Großteil meiner  Familie über Jahre  viel Zeit und Herzblut in das Projekt gesteckt. Meine Aufgaben übernahm die Theaterpädagogin Marlene Wagner-Müller, die zuvor bereits am Landestheater Oberpfalz tätig war. 

Mein Rückzug war notwendig.  Der Verlag forderte meine volle Aufmerksamkeit. Die Auflage des Ostbayern-Kuriers kratzte bald an der 80.000er Marke und wir machten uns auf, nach Schwandorf auch in Regensburg Fuß zu fassen. Ich hoffe, dass es dem ganzen Eisenzeit-Verein – auch mit den hervorragenden  jungen Schauspielern –  wieder gelingt, ins große Rampenlicht zu treten. Ein Politikum sollte und darf die ideelle Arbeit eines Vereins nie wieder werden in der Gemeinde Bodenwöhr. Ehrenamt und Engagement sind viel zu kostbar, um im Feuer politischer Eitelkeiten verbrannt zu werden.

Beruflich blieb keine Zeit zu schnaufen: Heuer  bereitete ich eine weitere große Transformation meines Verlages vor.  Nachdem etliche Großkunden aus dem Anzeigenbereich Ende 2017 darum gebeten hatten, ihre Werbung auf online umzustellen, war die Zeit gekommen, den tagesaktuellen Charakter von www.ostbayern-kurier.denoch weiter auszudehnen und ihn die Printausgabe vollständig ersetzen zu lassen. Eine Maßnahme, die es der Redaktion und damit auch mir erlaubt hat, noch stärker einzutauchen in die Kommunalpolitik – und mein persönliches Augenmerk galt einmal mehr besonders Bodenwöhr.

Die Entwicklungen der letzten Monate, die sich durch die Erkrankung von Bürgermeister Richard Stabl Bahn brechen  konnten, entsetzten mich als heimatverbundenen, aber oberpfalzweit agierenden Exil-Bodenwöhrer in hohem Maße. Während in der Gemeinde heute interessierte Kreise so tun, als ob eine völlige Freikarte für Investoren im Ortskern oder der Kahlschlag an sechs Hektar Wald etwas völlig Gewöhnliches seien, schütteln die Menschen hier und  andernorts ungläubig die Köpfe. Leider stellen diese beiden Beispiele jedoch nur die Spitze des Eisbergs dar, die Probleme liegen unter – oder wie im Fall des Hammersees – auf der Wasseroberfläche.

Vor diesem Hintergrund fragten mich die Verantwortlichen der Bürgerliste, ob ich nach dem überraschend schnellen Rückzug Richard Stabls die Verantwortung übernehmen wolle, die Gemeinde wieder zu einen und in eine bessere Zukunft zu führen. Ich bat um Bedenkzeit. Weshalb ich mich schließlich dafür entschieden habe, können Sie vielleicht aus diesen Zeilen und Seiten herauslesen. 

Ich versichere Ihnen, während der Zeit des Wahlkampfs und, wenn Sie mir mehrheitlich das Vertrauen schenken, auch weiterhin keinen Einfluss auf den Inhalt des Ostbayern-Kuriers zu nehmen.  Etwas, das sich mein Nachfolger auch tunlichst verbitten würde. Drei  Dinge werde ich ebenfalls  sicher nicht tun, weder der Presse noch sonst jemandem gegenüber: Schweigen, wenn es eigentlich an der Zeit wäre zu sprechen. Abwarten, wenn es eigentlich an der Zeit wäre zu handeln. Und unaufrichtig oder unfair agieren. Darauf haben Sie mein Wort.